Bullies

بسم الله الرحمن الرحيم

Dieser Artikel wurde zuerst in “Hilfe” veröffentlicht

Bulldoggen und Maiwonnen, 1998

Leben in der Post-Dianazeit. Das Leben in England verspricht weiblich zu sein. Postfeminismus geht mit Postdianaismus einher wie das Pfund mit dem Penny. England gibt sich schon seit geraumer Zeit heiter. Am 1. Mai will man von dieser Sorglosigkeit sein Schnittchen abhaben.

Auf unvermeidbaren Umwegen fahren wir vom Norden der Stadt in den Nordosten, zum Finsbury Park. An diesem Tag ist nicht nur Maifeier, an diesem Tag spielt Arsenal, prominenter Londoner Fussballverein und Lokalmatador des Nordostens, um eine Meisterschaft. Als wir aus der U-Bahn kommen, hängt schon allerlei Mannsvolk lustig auf den Strassen, grölen Kerle siegesgewisse Trinklieder, fliesst Lager und schweres Bitter in heisere Kehlen.

Im Finsbury Park sind anderweitig ausgelassene Gesichter. Schon am Eingang drücken Austräger Flugblätter und Unterschriftenlisten in die Hände der Vorbeikommenden. “Hier unterschreib’ mal”. “Was’n das?” Was gegen die miserablen Zustände beim National Health Service. Weiter geht’s ins nächstliegende Zelt, um sich ein Bier zu holen. Mit dem Becher in der Hand lustwandelt der Mensch weiter von Erlebnisstätte zu Erlebnisstätte. Hier die Infotische der Splittergruppen, dort die Infotische der regierenden Parteien und der Gewerkschaften, die das Fest finanzieren. Es gibt noch mehr zu unterschreiben. Für oder gegen New Labour, Welfare to Work, Lenin, Stalin, Israel, Trotzkij, die EU. Zumeist fühlt man sich ein wenig zu dienstlich und entfernt sich rasch wieder. “Heute feiern wir unseren Tag der Arbeit, wir, die Arbeiter von London”, schreit eine Labour Party-Frau im schwarzen Lederanzug auf der Hauptbühne. “Und hier nun eine unserer Hauptattraktionen, Asian Underground at its best”. Man geht weiter, tanzt im kalten Wind schlotternd auf anderen Wiesen, trinkt Bier, isst Bratwurst, raucht einen Joint oder zwei, wagt ein Pillchen oder zwei. Warum nicht selig sein im Wonnemonat Mai? Polizisten gibt es allerdings auch. Links und rechts laufen viktorianische Pickelhauben, die in ihrer Mitte einen erschlafften Menschen tragen. Wer zu weit geht, die ganz Betrunkenen, Bedröhnten oder Zerbrochenen werden genicked, weggetragen, fortgeschafft. Auf der Wiese hämmert der Asian Dub in kreisenden Bassläufen. Applaus. Die Labour-Frau im schwarzen Leder kommt zurück auf die Bühne. “Hiermit möchten wir Euch noch sagen, dass seitdem Labour gewählt ist, in diesem Distrikt 2 Millionen Pfund mehr für Bildung und Communityarbeit investiert worden sind. Geht wählen am Donnerstag, gebt den Tories keine Chance, die Tories sind Ausbeuter und Blutsauger, wir Arbeiter haben genug von den Blutsaugern”. Einer neben mir mault; gleich darauf, als die Fussballergebnisse verkündet werden, jubelt er: “Arsenal: 3:0”. Einige singen “In the Navy” von Village People. Eine der vielen inoffiziellen Vereinshymnen Arsenals. Am Abend haben sich die Fans aus dem naheliegenden Stadion mit ihren wartenden Kumpels in den Pubs zusammengefunden. Man weht die Fahnen, entleert die Pints, umarmt einander. Autofahrer hupen eingeklemmt zwischen den Umhertaumelnden. Einige reiern, irgendjemand pisst auf die Strasse. Die Polizei schreitet ein, Fussballfans und Polizei stemmen sich gegeneinander, das Partyvolk vom Park schubst auf seinem Pfad zur U-Bahn hektisch dazwischen, nichts geht mehr vorwärts, nichts geht mehr zurück. Für ein paar Momente stehen Hunderte bebend still. Hie und da hört man die Jalousien eines eilig schliessenden Ladens scheppern. Schliesslich kommen die Berittenen, gefürchtete Gefechtsveteranen, hauen um sich und drängen die Leute an die Häusermauern. Man flüchtet wohin es sich flüchten lässt. Zurück in den Park, über den Hügel, nur weg, rüber zur anderen Seite. Heissa, Wonnemonat. Tony ist seit einem Jahr an der Macht. Heissa. Was waren wir froh. Niemand hat im letzten Mai auf uns eingehauen. Fuck off, morgen ist frei, jetzt besaufen wir uns aber richtig!

* * *

Über den Krawall haben wir in den Montagszeitungen eine kleine Notiz gelesen. Ein paar Verwundete, ein paar Verhaftungen. Ansonsten ist Arsenal alsbald Meister und East-London weiterhin ein verwunschenes Sagenland. Wir fahren mit dem Auto an die Themse, zu den Docklands, nach Greenwich, wo man den Millenium Dom baut, der im jetzigen Stadium – irreführend verheissungsvoll – wie das Gerippe eines Bierzelts aussieht. Einst waren insbesondere die Docklands und der Südosten der Stadt die Hauptbastionen einer organisierten Arbeiterschaft Englands. Im Rahmen der Kämpfe Thatchers gegen die Gewerkschaft wurden auch diese Docks geschlossen, die Ländereien an der Themse privatisiert und den neu entstehenden Bankenzentren angegliedert. Die überall gleich aussehenden 80er Jahre-Wohnhäuser für Neureiche entstanden. Suburban verödete, kamerakontrollierte Häuserzeilen, aufgewertet durch den Blick aufs brackige Wasser der Themse. Man muss weiter hinaus, weit in den Osten fahren, um direkt ans Wasser zu kommen. Vorbei an alten Siedlungen, die umzingelt von Stadtautobahnen und Stadtflughäfen, wie vergessene, geschwärzte Inseln im Transitverkehr der internationalen Finanzmärkte treiben. Schliesslich gelangen wir an eine Fähre, setzen über, sehen auf der einen Seite das weite Wasser, das dem Meer entgegenfliesst, auf der anderen Seite die chaotische Skyline Londons. Wo es soviel Chaos gibt – möchten wir in diesem Moment gerne meinen – reichen 100 Thatchers und Blairs nicht aus um die Menschen in ihrem britannischen Sinne zu disziplinieren. Langsam mahlen die Mühlen der Zeit. Wir kehren ein. Trinken ein sämiges London Pride auf der Terrasse eines ungemütlichen Pubs. Canary Wharf ragt neben uns auf, steht stramm an den betonierten Ufern des Flusses. Wer in Canary Wharf und anderen Zentren arbeitet, reist mit eigens gebauten Untergrundlinien an: Docklands, Waterloo & City, Jubilee Line Extension, Thameslink. Mehr flüchtig Bekannte als man vermutet, sind hier schon zum Dienst angetreten. “Scheusslich ist’s”, meinen die, die ich dazu befragen kann. Von einem höre ich, dass ihn die 80er reich gemacht haben. Er hat sein Geld in ehemalige Lagerhäuser im Osten investiert, diese umgebaut und dann an die zuziehenden Künstler und Geschmackvollen, an die Yuppies gewinnbringend vermietet. Das übrige kann man sich an zwei Händen zusammenreimen. Gute Drogen, viele Frauen, Scheidung, Reha-Klinik, Büssertum. Jemand meint: “Wohin du hier im Osten auch gehst, überall sieht du dieses Stahlgeschwür von Turm.” Sagt’s, stiert aufs Wasser und trinkt das Bier.

Hinter alle Geschichten des Ostens setzt Canary Wharf sein Ausrufezeichen. Einäugig, aber allgegenwärtig, kann niemand hier im Osten sein Leuchten übersehen.

* * *

Die Bulldogge, der Bully : Jemand der andere kommandiert, schikaniert oder zusammenschlägt. Kann eine Frau sein, ein Mann, ein Kind. Den Bully trifft man überall. In der Schule, im Bus, in der U-Bahn, auf den Ämtern, an der Arbeitsstelle. Überall wird geschrien, zusammengestaucht und zusammengeschissen. Seit ungefähr einem Jahr wird in den Medien mehr denn je über das Phänomen des Schulbullies sinniert. Erst vor einigen Jahren wurde in den Schulen das Prügeln verboten. Trotzdem häufen sich weiterhin die Schülerselbstmorde. Auch nach der Schulzeit ist man bemüht, der Dauerpräsenz der Bullies zu entkommen. Die Existenz der Bullies steckt im hierarchischen Detail des Alltags.

An einem Donnerstag Anfang Mai ist Kommunalwahltag und ein Referendum findet statt, das darüber entscheidet, ob London wieder einen Bürgermeister haben wird. Labour-Mann Ken Livingstone, der ehemalige Leiter des “Greater London Council” das unter Thatcher – von wem sonst – abgeschafft wurde, gilt als der beliebteste Kandidat der Londoner. Die Parteizentrale arbeitet kräftig dagegen. Zu altlinks! Zur Zeit ist Ken Livingston MP meines Stadtcouncils Brent. Zufälligerweise stolpere ich in eine Bezirksversammlung der Labour Party, bei der auch der amtierende Gesundheitsminister Frank Dobson anwesend ist. Gewinnend lächelnd, breitflächig, umarmt der Minister in seiner Rede fortwährend den Saal. Vollmundig erzählt er von den Erfolgen seiner Abteilung, augenzwinkernd von wilden Jahren, die alle im Saal noch gut in Erinnerung zu haben scheinen. Trotz des bescheidenen Gelächters scheint das Sendungsbewusstsein des Ministers so unermüdlich wie das der Partei. Zum Abschied schüttelt er allen die Hand. Man schweigt einander an und schleicht, in unterschiedliche Richtungen verschwindend, muffelig heim. Im Fernsehen zeigen die TV-Kampagnen der Partei glückliche junge Menschen, die dank New Deal jugendlich-dynamisch ihre Traumjobs verrichten. Alleinstehende Mütter könnten – dank Welfare to Work – neue Befriedigung erfahren. Europa guckt neidisch. Um welche Sorte Arbeit es dabei geht, darüber reden auch in England nur wenige. Wer arm ist, für den wird schlecht gesorgt. Die Sache mit der wirtschaftlichen und moralischen Ausgrenzung Benachteiligter kommt manchen sehr englisch, sehr protestantisch vor. Ansonsten schmeisst sich England als Vorreiter in Sachen Kultur, Medien – Pop! in diverse Posen. Der Mindeststundenlohn gilt auch in diesen Branchen nicht. Reiche Kids kommen vom Kontinent und arbeiten in “der Szene” für nichts. Nicht nur in Europa guckt man neidisch, auch der gewöhnliche Mensch vor Ort denkt sich darüber seinen Teil. Innenpolitisch strafft die Regierung weiterhin die Zügel. Die Zinsen steigen. Der im Kampf gegen die IRA eingeführte Criminal Justice Act bleibt trotz Waffenstillstand und hoffnungsträchtigen Verhandlungen weiterhin bestehen. Die Kameras in der Innenstadt bleiben installiert, die Polizei hat weiterhin das Recht zu spontanen Durchsuchungsmassnahmen. Im Rahmen eines verschärften Anti-Drogenprogramms sind vor allem schwarze Mitbürger das Ziel von Übergriffen. Der Staat setzt seine Statements und fühlt sich wohl damit.

Cool Britannia heißt im Kleinen, dass man dabei ist, ein wenig Profit aus Popmusik und Attitüden zu machen. Das Geld reicht trotzdem hinten und vorne nicht aus. Viele erschöpfen sich in zwei, drei und mehr Jobs. Manche sparen bis in ihre 30er auf ein Studium hin. Man zwängt sich im Leben innerhalb der britischen Parteien und den diversen Traditionen mal leichter, mal erschwert durch, lacht viel und teilt sein Gras mit den Freunden. Die Regierung betont Werte. Der Mensch weiterhin sein Leben.

Ein paar Freunde leben in Nottinghill. Wir sitzen zusammen um einen kleinen Grill und essen ein Huhn, dazu leeren wir einige Flaschen warmen Weins und rauchen ein paar Tüten. Meine Freundin zeigt mir ihre Perücke, die sie immer dann aufsetzt wenn sie sich in die Welt des Berufs und der Verwaltung begeben muss. Sie sieht seltsam gebügelt aus mit dieser dunklen Glatthaar-Perücke, die von erstaunlich vielen schwarzen Frauen getragen wird. Just an diesem Tag hat sie sie tragen müssen, als sie vor einem Gericht gegen drei Polizisten aussagte, die vor dem Haus einen Nachbarn verprügelt hatten. “Diese Scheiss-Perücke”, sagt sie, das Teil wie einen Wedel schwenkend, “hat mir im Leben schon manches ein bisschen leichter gemacht. Pervers oder?” Später finden wir einmal mehr heraus, dass es sich lohnt viel Geld zu verdienen, und tun und lassen zu können was man will. “Sich von niemandem schikanieren lassen!”, “Geld haben!”, “Exotische Inseln bereisen!”, “Drogen soviel man will!”, “Keine Perücke mehr tragen müssen!”. Darauf trinken wir ein paar Biere und tanzen gut im Club an der Ecke. Zeit zu träumen. Am nächsten Tag fahren die Freunde nach Birmingham für eine Gegenaktion von Reclaim the Streets zum G8 Treffen. Ich fahre heim in die Suburbia.

Wildwachsendes Gras und Butterblumen im Garten. Der Nachbar mäht seinen verrunzelten englischen Rasen. Stetig brummen die Motoren auf der naheliegenden Autobahn. Nur im Sommer kann man es in dieser lausigen Suburbia aushalten. Freunde rufen an und berichten aus Birmingham. Es war ein guter Spass, wenn auch zuweilen ein wenig brenzlig. In den Nachrichten grinst Onkel Blair. Gemeinsam mit den anderen Sieben hat er die Flucht vor den tanzenden Freaks ergriffen. Aber nicht vor denen, sondern auch vor den betenden Christen und anderen Gruppen. Natürlich war die Polizei schon wieder beritten und selbstverständlich war sie auch diesmal nicht pingelig mit Knuffen und Schlägen. Auf einmal habe ich den Eindruck, dass all die Spannungen, die alltäglichen Frustrationen, das verrottete Transportsystem, der Mietwucher, das überbewertete Pfund, die Kleinkriege mit Behörden, den Bossen, den windigen Geschäftemachern und der Polizei, sich irgendwann mal wieder in einem quasi gemeinsamen, lauten Krach entladen müssten. Es wär mal wieder an der Zeit. Zuweilen ist man es leid, den Bullies immerzu nur auszuweichen. Think global, act local – oder? Manchmal verstehe ich nicht, wovor wir hier eigentlich solche Angst haben.

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