Kama Sutra: Da wo Indien am indischsten ist

Dieser Artikel erschien zuerst bei telepolis/heise Verlag in 1997.

In Indien wurden im Laufe des letzten Jahres einige Filme bekannter indischer Regisseure verboten. Unter anderem für ein weltweites Puplikum ausserhalb von Bollywood (Bombays Hollywood) konzipiert, wagten sich diese Werke in ein Terrain, das bisher auch in der indischen Filmindustrie vermieden oder aber aufs blumigste umschrieben wird: Sex. Einer dieser Filme, Kama Sutra – A Tale of Love, von der indischen Regisseurin Mira Nair (India Cabaret, Salaam Bombay) ist nun in den europäischen Kinos angelaufen. Mira Nair versteht ihren Film als eine Neuinterpretation des Kama Sutra aus weiblicher Perspektive. Aber ist dieses filmische Kama Sutra tatsächlich ein radikales weibliches Statement oder aber vorallem von westlich-männlichen Vorstellungen um die Erotik im Reich der Orientalen geprägt?

Die Story ist ganz einfach und doch so kompliziert: Indien irgendwann im 16. Jahrhundert. Maya (was im Sanskrit “Bedingtheit unserer Erfahrungen durch die Eingeschränktheit unserer Sinne” bedeutet), eine Dienerin, lebt irgendwo im Norden Indiens und ist befreundet mit Prinzessin Tara. Beide werden gross und schön und stattlich und zu Rivalinnen. Tara wird mit Raj Singh verheiratet. In der Hochzeitsnacht schleicht sich Maya zum Raj Singh, der sie sogleich entjungfert um am nächsten Tag mit seiner Braut Tara von dannen zu ziehen. Mayas Missetat fliegt auf, sie wird vom Hof verstossen, zieht in das Land des Raj Singh, um dort ihre Liebe, einen Bildhauer, kennenzulernen und im Haus einer Edelkurtisane – einer sogenannten Gunika – Unterschlupf und schliesslich Einweisung in das Kama Sutra zu erhalten. Für eine Weile fröhnt Maya der Liebe in Theorie und Praxis. Der Raj und Tara werden derweil nicht sonderlich froh miteinander. Der Raj hat Sehnsucht nach Maya; schliesslich lässt er nach Maya suchen, und diese, mit ihrem Geliebten zerstritten, geht auf das Angebot königliche Kurtisane zu werden, ein. Während der Raj zusehends verweichlicht und sich nur noch dem Sex und den Drogen hingibt, zieht es Maya wieder zum Geliebten hin, der sie unter Todesgefahr täglich im Palast zwecks kamasutring besucht. Die Affäre fliegt auf, der Geliebte wird getötet. Maya schneidet sich ihr Haar ab und schwankt in ein Irgendwohin davon, dass sich trotz allem wie ein erfülltes Kurtisanendasein in gehobenen Diensten fernab vom Ort ihrer Schmerzen ankündigt -sobald das Haar nachgewachsen ist.

Liebesfilme werden in Bollywood (Bombays Hollywood) täglich im Dutzend produziert. Eine auf die wesentlichen Klischees reduzierte Erotik ist erlaubt, die offensive Thematisierung, geschweige denn Darstellung von Sexualität, offiziell verpönt. Frauen ordnen sich dem Mann schmachtend unter, kriegen sich Held und Heldin, geht’s ab in ein Meer von Blumen und Sternen. Als Äusserstes einer bildchen Übersetzung von “sie tun es” gilt, wenn ein Frau im Sarong singend auf dem Boden liegt, während ein Held um sie herum wirbelt. Indischer Kitsch mit der eigenen Legendenbildung von Stars, Sternchen, Helden, Skandalen, Liebe und Drogen wird bunt theatralisch, mit viel Gesang tagtäglich über das Puplikum geschüttet. Progressive indische Regisseure wie Mira Nair versuchen schon seit langem neue Erzählformen und Themen in die indische Filmlandschaft miteinzubringen. Mit Filmen wie “Salaam Bombay” hat Mira Nair Stürme des Entsetzens in Indien provoziert, wurde aber als internationale Vorzeige-Frau des indischen Film hofiert und weitestgehend von der Zensur geduldet. Mit Kama Sutra wollte Mira Nair eine weibliche Interpretation des alten Buchs der Erotik wagen, wobei sie – wie im populären indischen Film üblich – Erzählweisen Hollywoods, mit indischen Liebesmythen und orientalischer Ästethik vermengt. Der Verleih hatte den Film grossartig angekündigt, “Liebe und Zärtlichkeit” würden ganz neu gezeigt werden. Der Begriff Kama Sutra erinnert ausser an ein kaum zu verstehendes Buch mit allerlei Lingams und Yonis (Penissen und Vaginas) vorallem auf’s lebhafteste an erotische Miniaturen auf denen sich zwei oder mehr Liebende ineinander verschränken.

Das Kama Sutra wurde um 250 n.C. von einem gewissen Vatsyayana verfasst. Das Werk versteht sich als ein Werk über das richtige erotisch-sexuelle und ethische Verhalten mit erstaunlich pragmatischen Gebrauchsanweisungen für Mann und Frau. Die Gesellschaft die den Hintergrund des Kama Sutra bildete, baute sich auf den vier Kasten des Hinduismus auf. Brahmanen (Priester), Kshtriyas (Krieger und Fürsten), Vaisyas (Kaufleute und Bauern) und Sudras (die dienende Klasse). Darüberhinaus gab es noch Kastenlose, die Tschudras und Parias (Ausgestossene), die alle für die anderen Hindus unzumutbaren Arbeiten zu übernehmen hatten. Jede Kaste hatte einen eigenen differenzierten Aufgabenbereich im Bereich der Spiritualität und im Alltagsleben. An dieses Kastenwesen war der Einzelne vollkommen gebunden. Einzig in der Erotik war jedem Inder eine Entfaltung gestattet, die jedoch in Art und Weise der Ausübung ebenfalls an diffizielle Riten und durch Kastenzugehörigkeit bestimmt war. Sex sollte ersetzten was ansonsten an Freiheit nicht gelebt werden durfte. Soweit zum goldenen Zeitalter sexueller Freizügigkeit. Das Kama Sutra entdeckte der Westen in der Kolonialzeit der Engländer und missverstand es vorrangig als schlüpfriges Stellungswerk. Vermischt wurden diese erotischen Träumereien mit männlichen Allmachtsphantasien um Kurtisanen und Harems mit willfährigen Lustdienerinnen, die mit grossen dunklen Augen im ansonsten verhüllten Anlitz locken. In den vielen Berichten der damaligen Zeit verwischt sich denn alles zu einem Fantasiegebräu, in der die Frauen der verschiedenen ethnischen Gruppen, Religionen und Kasten sich in Zeltlagern, Palästen und duftenden Gärten tummeln, in der Mitte ein Maharadscha thronend, der sein kostbares Gut von fistelnden Eunuchen bewachen lässt.

All diese schwül-erotischen Klischees finden sich in Nairs Film wieder. Die Frauen sind Fantasiegestalten aus 1001 Nacht, sind mit Ornamenten, Geschmeide und dritten Augen (der rote Brahmanenfleck) geschmückt, werden von Eunuchen bewacht und von weisen Oberkurtisanen in die Kunst des Liebens eingewiesen. Die Frauen sind mit nichts anderem als prachtvollem Sex und ihrer dienenden Lust am Mann beschäftigt, damit das auch hinhaut, können schon mal historische Gegebenheiten von “Klassen und Kasten” über Bord geworfen werden. Nairs Kama Sutra steht im Hinblick auf das inharänte Verbot des Sexuellen – was sich im Film durch das unheilvolle Schicksal, Tod und Bestrafung äussert – hiesigen Bestrafungsphantasien in Filmen “über das Sexuelle” in nichts nach. Vom Versprechen eines verlorenen Paradieses bzw. goldenen Zeitalters der Sexualität und der Unmöglichkeit sexuellen Glücks im Heute nährt hier wie dort die erotische Geschichtenerzählung. Mira Nair ist, in den Grenzen die ihr als Regisseurin in Indien gesteckt sind, wohl ein revolutionäres Stück indisches Kino gelungen. Ohne den Exotismus bleibt aber nicht viel mehr als der Eindruck von verlorener Sexualität in schöner Kulissen, alles das in eine bunte, melancholische, grausame und geile Story verpackt. Total orientalisch also. Da wo Indien am indischsten ist, da sitzt der Westen mit seinen ureigensten Ängsten vor Sex und Erotik: Gemeinsam haben sie ihr Kama Sutra – Ein Tal der Tränen.

Kama Sutra – A Tale of Love
Indien 1996
D:Indira Varma, Sarita Choudury
R: Mira Nair

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