Leaving Las Vegas ~ Filmkritik aus der Flasche

Dieser Artikel erschien zuerst auf telepolis/heise in 1996

Wenn das Ende des Strudels erreicht ist, verschwindet die Angst.

Alkohol macht Spaß. Alkohol schmeckt. Alkohol entspannt. Alkohol fördert die Geselligkeit. Alkohol ist also eine prima Sache, wenn da nicht all die Leute wären, die aus prima Sachen durch ihren schlechten Umgang damit ein Problem kreiieren würden. Zum Trinker mutiert der User nur, wenn er das richtige Maß und Ziel, sprich den Überblick verliert. Nur dann wird der User zum Looser – alles klar?

Ist der Alkohol zu stark, bist Du zu schwach. Irgendwann wurde Ben nicht nur für den Alkohol, sondern auch für das sogenannte normale Leben zu schwach. In Los Angeles, wo er einmal nur trank, beginnt er zu saufen. Peinlich berührt entläßt ihn seine bisherige Welt in die Nation der verlorenen Trinker. In Amerika werden diese, wenn sie wie Ben noch genügend Dollar in der Tasche haben, meistens in Las Vegas angespült. In dieser Wüstenstadt morbiden Glamours, des Showbiz und Glückspiels, in welcher der Alkohol 24-Stunden am Tage fließt, komprimiert sich der amerikanische Traum für Ben zur Karikatur. Hier will Ben seinen Way of Life austräumen. Hier will er sich endlich ungestört seiner Art von Konsum widmen und sich jederzeit und kistenweise all jene Schnäpse besorgen können, die zu seinem Lebensinhalt geworden sind. Das ist seine Art der Kapitulation. Er entledigt sich des letzten Ballasts seines bisherigen Daseins und macht sich auf den Weg. In Las Vegas begegnet ihm Sera, sein Engel – eine Prostituierte. Beide treiben als Gefangene ihres jeweiligen amerikanischen Alptraums inmitten der grell aufgetakelten Stadt. Las Vegas ist eine Hure, genauso wie Sera, die über den Strip und durch die Casinos strolcht um sich Kunden für ihr kleines Warenangebot im Mega-Kaufhaus Amerika zu suchen. Seras Ware ist ihr Körper und sie kommt ihrem Job mit echtem amerikanischem Arbeitseifer und unbedingter Professionalität nach. Dabei ist sie so schön und unschuldig wie alle, die ihre gegerbte Haut in einem Hollywood-Film zu Markte tragen. Ben torkelt in ihr Leben zunächst als betrunkener, impotenter Freier, um dann bei ihr zu bleiben. Ihr Leben und sein Sterben verändert das nicht, doch eben daraus gewinnt der Film seine Dynamik und erfüllt das schöne Versprechen des bitteren Endes. Man gibt sich mit dem zufrieden, was einem das Kaufhaus Amerika zuspricht. Sera, die heilige Hure, ist für Ben der letzte irdische Engel an der Toreinfahrt zum Tod, der ihn in seinen sich steigernden Ausfällen und Delirien hinnimmt und wie eine Mutter umsorgt. In dem Moment, in welchem Sera an ihrem Schweigepakt rüttelt, zerbricht die Beziehung und fügt sich erst wieder zusammen, als Sera den sterbenden Ben findet um sich mit ihm final körperlich zu vereinigen. Das sieht nur so ähnlich wie ein Beischlaf aus (vielmehr ähnelt es einem nekrophilen Akt). Weint sie neben seinem nun entgültig entseelten Leib? Keiner will es wissen. Am wenigsten Ben, der sich auf dem Weg in ein anderes Paradies befindet.

Regisseur Mike Figgis ist es auf Umwegen über europäische Produzenten gelungen, diesen Film zu dem in Hollywood seit jeher unbeliebten Thema Alkoholismus zu realisieren. Trotzdem ist es ein echter Hollywood-Film, der einem die uralte Mär vom gescheiterten Mann und dem gefallenen Mädchen auf amerikanische Weise verkaufen will. Unter dem Lack zeitgemäßen Nihilismus berichtet uns Figgis von der Suche des amerikanischen Mannes nach Größe, und der heiligen Amerikanerin die ihn auf den Weg dorthin keusch begleiten darf. Der Roman “Leaving Las Vegas” von John O’Brien, der sich während der Dreharbeiten das Leben nahm, ist im Gegensatz zum Film weniger eine Geschichte von der, wenn auch kaputten, romantischen Liebe auf amerikanisch, als vielmehr von deren Unmöglichkeit. Mit dem präzise geschilderten Leben und Krepieren eines Trinkers und dem Zusammentreffen mit seinem weiblichen Gegenstück der Hure, ist Leaving Las Vegas O’Briens unsentimentaler Abgesang auf die amerikanische Gegenwartskultur und deren Umgang mit Waren, Körpern und den alles in Schwung haltenden Drogen. So widersprüchlich wie die Beziehung einer Gesellschaft zu ihren Narkotika wirkt in diesem Zusammenhang die Weigerung von Nicolas Cage, der für seine Darstellung des Ben Sanderson mit dem Oscar ausgezeichnete wurde, sich über seine Erfahrungen mit Alkohol zu äußern. Statt dessen betont er seine Verantwortung und seinen Erfolg als Familienvater und Schauspieler. Alkohol, so Cage weiter, sei im Übrigen ein “Downer” wo wir doch im Zeitalter der “Upper” leben. Richtige Alkoholiker sind eben Looser – so wie Ben bzw. John O’Brien. Mach nun Gott ihn selig!

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