Unter der Decke ~ in 90s London

بسم الله الرحمن الرحيم

Dieser Artikel erschien zuerst am 15.12.1998 im Feuilleton der Jungen Welt

Unter der Decke
Außen tipptopp und innen kein Geschmack: Mit dem »Millennium Dome« sucht
Tony Blair neue Identität im Größenwahn
Von Roya Jakoby

London ist keine Stadt. London ist ein Land. Seit Thatcher teilt sich dieses Londonland wie folgt auf: Im Landesinneren, in Soho, Westminster und Kensington, geht es regierend, touristisch und vergnügungssüchtig zu.

Der Norden ist von suburbanen Siedlungsidyllen, der Westen von sich stetig erweiternden Konzernmeilen geprägt. Das Eastend – gehe von der City of London gen Canary Wharf Tower – wird weiterhin von der Kunstszene, Medienschaffenden und Bankyuppies bewirtschaftet. Auch im Spätherbst ’98 wird hier unbeeindruckt von der Rezession an jeder Ecke gebaut und renoviert, werden Konferenzzentren und Appartmenthäuser, erschwinglich nur für die Bänker und die Dinks (Double Income No Kids) der trendsettenden Industrien, eingeweiht. Südlich der Themse wird man mit einer drastisch anderen Stadtlandschaft konfrontiert. Seit jeher unattraktiv für Grundstücksspekulanten, ohne flächendeckendes U-Bahnnetz, ohne die Bauten und Infrastruktur, welche die anderen Bezirke und das Image der Stadt seit den 80er Jahren prägen, wirkt der Süden wie abgetrennt von London.

Südlondon – die Gebiete rund um Brixton, Croydon und Greenwich – ist das Karstland der Metropole. Verglichen mit seiner Umgebung, scheint Old Greenwich im Südosten dieses Karstlandes eine einsame Festung traditionell britischer Werte inmitten trister Sozialbaugebiete, Industrieruinen, verödeter Straßenzüge zu sein. Hier starb Heinrich der Achte, der ideologische Gründervater des Empires. Hier wurde im 1675 vo Charles dem Zweiten erbauten königlichen Observatorium der Längenmeridian 0+ und die für Britannien noch immer relevante Zeitrechnung, die »Greenwich Time«, festgelegt. Hier stellt sich unbeeindruckt von den Jahrhunderten das Empire mit seiner vergangenen Macht über Flotten, Handel, Kolonien, Naturwissenschaften, Mathematik, Navigation und Maßeinteilungen zur Schau. Hier tummeln sich heute >mittelständische Antiquitätenhändler und Touristen auf der alten Hauptstraße, am Pier, rund um das königliche Marinemuseum und das Observatorium, während nasal sprechende Upperclass-Zöglinge ihren Familien über die Ausbildung in der hiesigen Navy-Akademie berichten. An diesem Schnittpunkt von Zeit, Klassen, britischer Vergangenheit und Gegenwart, plante schon der Torie Michael Hesseltine – der Mann, der Thatcher zu Fall brachte – einen Volksfestbau zur Feier der Jahrtausendwende einzurichten: »The Millennium Dome«. Dieser Plan wurde unmittelbar nach der Wahl 1997 von New Labour übernommen. Die Millennium Experience Gesellschaft will im Londoner Südosten ein 80.000 Quadratmeter großes Zelt errichten, dessen Inhalt von amerikanischen Vorbildern wie Disneyland inspiriert, so wenig überzeugend anmutet wie die Tagesticket-Preise, die für einen durchschnittlichen Briten nicht erschwinglich sein werden: mit aufgepumptem Museum und Einkaufscenter ein Freizeitwahnsinn, den sich keiner leisten kann.

»Style Over Content« – Aufmachung über Inhalt, lautet dann auch die Gleichung mit der der Dome und New Labour seitdem belegt sind. Als Hauptverantwortlicher dieser Politik New Labours gilt Blairs ehemaliger Medienstratege und heutiger Industrie- und Handelsminister Peter Mandelson. Seit der Regierungsübernahme New Labours ist er mit der Leitung des Millennium-Projekts beauftragt und gilt als großer Buhmann für die Fortsetzung der Torie-Politik mit freundlichen Mitteln. Das 700 Millionen Pfund teure Dome- Projekt wird größtenteils von nationalen Lotteriegeldern finanziert, der Rest soll von Sponsoren getragen werden, die für eine der insgesamt 14 Themenzonen des Domes die Patenschaft übernehmen. Allerdings stehen die diversen Deals, die Mandelson mit den beteiligten Konzernen im Gegenzug für eine Sponsorenschaft eingeht, in keinerlei Verhältnis zu deren Beitrag am Dome. Der britische Staat baut an einem Prestigeprojekt, das die britische Krise gleichzeitig symbolisch aufbläht wie unter einer riesigen Kuppel zu verstecken sucht. Während viele der Zulieferbetriebe aus den verarbeitenden Industrien, die schon lange unter der Hochzinspolitik und den Exporteinbußen durch das überbewerte britische Pfund leiden, durch den Verlust der asiatischen, russischen und südamerikanischen Investoren und Absatzmärkte und durch die Bankenkollapse in der City Of London zur Schließung gezwungen werden, gibt man sich von offizieller Seite zukunftsoptimistisch. Wie üblich wird an Geduld, Lohnbescheidenheit und Umschulungswillen appelliert. Leicht gesagt, in einem Land, in dem ein Arbeitsloser seit Thatcher keine Arbeitslosenhilfe erhält, in dem erst auf Druck der EU hin, vor kurzem ein Mindeststundenlohn und Arbeitnehmerschutzregelungen eingeführt worden sind.

Posted in Auf Deutsch, Ueberwachung and tagged , , , , , , , .